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Die grossen transluziden Blätter, wehende Bahnen, zeigen sich gleichsam
von zarten Gewächsen überwuchert. Die feinen Graphitstriche
sind zu bauschigen Blütenbüscheln oder Laubkronen gebündelt
und zu einer Grossaufnahme vegetabiler Wucherungen stilisiert. Ein Merkmal
dieser Zeichnungen ist ihr räumliches Ausgreifen in die Peripherie
des Bildfeldes, wie auch das Verdichten der Linien und Schraffurflecken
zu buschigen Erscheinungen im Wechsel mit Durchblicken und Leerräumen.
Mit der floralen Fülle paart Colette Couleau abstrakte Gebilde. Diese
Rapporte geometrischer Formen erweisen sich als rhythmisches Extrakt der
imaginären Wachstumsvorgänge – die Blätter scheinen
durchdrungen von einem feinen Pochen und Pulsieren.
Colette Couleaus subtiles Operieren mit solchen motivischen ‚Abweichungen’
von der Natur rückt ihre Blattwerke in die Gefilde der Phantasie.
Die Zeichnungen laden zum Eintauchen in einen Hortus conclusus, dessen
Üppigkeit, Weitläufigkeit und exotische Ausstattung seinesgleichen
sucht. Insbesondere das gelegentliche Auftauchen eines strahlend blauen
Vogels im Geäst lässt den Ort gänzlich zum Wundergarten
werden: Schablonenhaft, irreal über Kopf hängend, scheinbar
auf einer Kugel balancierend, rückt dieser Schemen eines Piepmatzes
die Szenerie in die Surrealität. Die Künstlerin benennt besondere
Augenblicke der Freude, die sich bei einer unerwarteten Beobachtung in
der Natur oder bei einer innigen Begegnung einstellen können, als
Quell ihrer Inspiration. Diese Momente des ephemeren Glücksgefühls,
die sich in der Erinnerung bildhaft abspeichern, will sie in ihren Zeichnungen
graphisch festhalten. Einzelne Elemente in Colette Couleaus Zeichnungen
dürfen deshalb als piktogrammatische Codes gelesen werden, deren
Entschlüsselung und Rückbezug auf das inspirierende Ereignis
der Künstlerin vorbehalten sind und nicht der Erörterung bedürfen
– eine verbindliche Interpretation ist weder möglich noch im
Sinne der Erfinderin. Für die Betrachterinnen und Betrachter seien
die Bilder vielmehr Einladung zur freien Assoziation, zur Verknüpfung
mit eigenen Erinnerungen an aussergewöhnliche und einprägsame
Beobachtungen. Colette Couleau möchte mit ihren Bildern einen Reflex
auslösen und zu anregendem Schauen Hand bieten.
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Ähnlich traumhaft und der Phantasie unserer
Kindheit entsprungen, scheint das Stelzenhaus, dessen Materialität
keinen Zweifel an der Wirklichkeitsferne dieser Behausung lässt.
Die Aussenhaut von flickernd reflektierender Aluminiumfolie bildet ein
Paradox zum scharfkantigen quaderförmigen Körper der Hütte.
überhängende Folienstreifen geraten bei Luftzug in Bewegung
und können das Gebilde zum Rascheln bringen. Unsere kulturell geprägte
Vorstellung von einem Haus als Garant für Schutz vor den Widrigkeiten
der Witterung und der von Mensch und Tier ausgehenden Gefahren findet
in dieser Kreation keine Entsprechung. Vielmehr wird die Ernsthaftigkeit
eines Hausbaus in diesem Werk mit Augenzwinkern quittiert. Dem Konstrukt
haftet gar der Charme eines Spielzeuges an, etwa eines Puppenhauses, einer
verspielten Miniaturwelt, in die unsere Vorstellungskraft fiktives Leben
hineinprojizieren darf.
Überdies überrascht der erhöhte Bezirk durch eine Verkehrung
von Innen und Aussen. Während die äusseren Metallbahnen an eine
Tapezierung und in ihrer kostbar glänzenden Qualität an die
reiche Ausstattung barocker Prachtsäle denken lassen, findet sich
im Innern ein Wandbezug, der den Blick zum Eintauchen in Kaskaden von
blühendem Goldregen lädt. Opulente Natur hat Eingang in die
rektanguläre Ordnung des rationalen von Menschenhand gefertigten
Gebildes gefunden.
Es gehört zu den Wesensmerkmalen künstlerischen Schaffens, verschiedenartige
Territorien zu verschränken und in einem schöpferisch Prozess
(aus dem Paradox von materieller Welt und ungebändigter Vorstellungskraft)
Kunstwerke hervorzubringen, die den Betrachtenden den Zugang zur eigenen
Phantasie erleichtern und bereichern, so wie dies die Arbeiten von Colette
Couleau vermögen.
Gabrielle Obrist, Kunsthistorikerin |