Ausstellung 21. Oktober bis 17. November 2007
gemeinsam mit Regula Abraham Objekte und Installation
Begleittext für die Ausstellung von Martin Rohde
Die in der Chelsea Galerie gezeigte Ausstellung der beiden Basler Künstlerinnen Regula Abraham und Claudia Roth reiht sich ausgezeichnet in das schon lange auf künstlerische Formensuche spezialisierte Programm der Galerie. Sie vereint ein weiteres Mal zwei Künstlerinnen, die in ihrer Ausdrucksweise zwar sehr verschieden auftreten, in ihrem künstlerischen Wollen jedoch eng beieinander liegen. Die eine kreiert in Bilderserien Formgebungsprozesse, die andere bildet in Formen und Objekten installativ ihre Auseinandersetzung mit Material, Text und Wahrnehmung ab.
Das Wesentliche verbirgt sich oft hinter dem Horizont des oberflächlich Sichtbaren und ein Wesenszug der Kunst ist es, dieses Verborgene sichtbar zu machen. Dieser Gedanke scheint mir sehr treffend den kreativen Arbeitsprozess der beiden hier vorgestellten Künstlerinnen zu bezeichnen, weshalb er als Ausgangspunkt für diesen kleinen Text über die Ausstellung dienen soll.
Wenn wir als Besucher einer künstlerischen Ausstellung Bilder oder Objekte betrachten, dann begeben wir uns auf einen vorgezeichneten Weg, ob wir wollen oder nicht. Das, was die Künstlerin oder der Künstler zu ihrem Werk zu sagen hat, ist bereits gesagt oder in künstlerischer Form ausgedrückt. Dem Betrachter bleibt es vorbehalten, die eigene Sprache dazu zu finden und auszuformulieren, was er an Eindrücken oder Assoziationen gewinnt.
Es ist also legitim, ein Bild mit Worten zu beschreiben, denn dabei werden die Bilder als Zeichen durch einen Wahrnehmungs- und Übersetzungsprozess wieder in Zeichen umgewandelt. Gedanken formulieren sich in Sprache, die in einem Text wie diesem hier, wieder zu Zeichen werden. Und auch diese verstehen sich als offene Angebote einer möglichen Interpretation. Der Entstehungsprozess eines Kunstwerks verläuft ähnlich, denn er beruht zunächst auf der Wahrnehmung und der darauf folgenden künstlerischen Umsetzung in Zeichen, die sich dann wieder an einen Betrachter wenden und so fort.
Kunstwerke sollten die Qualität haben, uns Erfahrungen zu vermitteln, die wir sonst im Bereich des Sichtbaren oder auch Unsichtbaren nicht erleben, weil wir sie vielleicht übersehen oder anders wahrnehmen. Die Aufdeckung des Gewöhnlichen oder des Geheimnisvollen durch Verfremdung war schon immer ein movens für Kunstschaffende und dürfte es zur Freude des Betrachters auch noch einige Zeit bleiben. Und dennoch muss Kunst in sich selbst auch ein Stück weit Geheimnis sein dürfen, denn sonst verlieren beide Seiten die nötige Neugierde.
Das bloße Festhalten, Aufzeichnen oder Kreieren kann jedoch nicht der einzige Beweggrund für die künstlerische Auseinandersetzung sein. Kunstschaffende setzen ihre Werke bewusst und willentlich der Rezeption anderer aus, und wenn sie dies tun, dann koppeln sie sich von ihnen ab und die Werke existieren von nun ab für sich...oder doch nicht? So gibt es z.B. bei Claudia Roth Werke, die nach jahrelangem Lagern wieder in den kreativen Prozess einbezogen werden und erneut Bearbeitungen („Übermalungen“) erfahren oder Regula Abraham würde am liebsten metamorphische Ausstellungen organisieren, in der sie ihre Objekte immer wieder neu anordnet und ihnen somit auch einen veränderten Ausdruck gibt.
Es ist vielleicht nicht so wichtig, zu wissen, dass es sich um übermalte ältere Bilder handelt, aber wenn man es weiß, dann erhalten die Bilder eine weitere Dimension – eine räumliche aber zugleich auch zeitliche. Hinter dem Sichtbaren schlummert ein weiterer nun verborgener Akt der Konzentration und gibt dem Bild eine größere Intensität. Was sich aus der direkten Anschauung der Werke ablesen lässt, ist die Verwendung weiterer Malmittel und dies im eigentlichen Sinn des Wortes und solcher, wie Pinsel, Tuch, Spachtel oder andere. Sie sind Hilfsmittel bei der Formensuche.
Ist es zu weit gegriffen, Claudia Roth weniger als Malerin sondern eher als „Formfinderin“ zu bezeichnen?
Sie spürt Ausdrucksformen auf, die sie versucht, in Serien auszureizen und wenn sich ihre Inspiration verloren hat, dann lässt sie die Serie als abgeschlossen stehen. Es können aber auch äußere Gründe sein, die sie zur Aufgabe eines Themas zwingen: Denn das Leben neben der künstlerischen Aufgabe bleibt ja nicht stehen. Immer wieder mischt es sich in die kreative Auseinandersetzung mit ein.
Mit beinahe graphischen Anklängen sprechen diese aus dem Schwarz herausgeholten Lichtflecken in organischen oder zoomorphen Formen eine geheimnisvolle Sprache. Wie Jahresringe oder kokonartige Figuren, deren Geheimnisse wir entblättern können, auswickeln oder aber das Angebot ausschlagen und das Werk in sich ruhend aufnehmen. Zellenartige Körper, wie Keimzellen des Entstehens, die aus dem Chaos von sich bewegenden Ideen eine neue Form gebären. Und die Ausformung, das Herausholen aus der schwarzen Fläche funktioniert über das Licht. Wo Licht ist, da ist auch Schatten, ist man versucht zu sagen, aber hier müsste man, den Spruch umdrehen: Licht taucht aus dem Schatten auf, weiße Überhöhungen und schwarze Abgründe treten in Kontrast, der Tiefe erzeugt. Häufig lässt sich nicht genau bestimmen, ob die Lichter aus der Tiefe auftauchen oder in sie hinein ziehen sollen. Unendlich viele Ansichten sind möglich und dennoch gibt es Ausrichtungen, die zwingender sind als andere. Es kommt zu Ähnlichkeiten aber kaum zu Wiederholungen. Ihre Arbeitsweise ähnelt dabei dem Krebsgang, sie verläuft rückwärts: übermalen – trocknen – malen – herausholen – anschneiden – abstreifen – andeuten. Formen gewinnen Raum, sie verwirren unsere Vorstellungen und spielen mit unserer Wahrnehmung. Die Gestalt löst sich vom Bild und das erstaunt umso mehr, weil sie zunächst im Quadrat gefangen zu sein scheint. Die quadratische Formgelegenheit ist übrigens schon lange die ihr entsprechende Arbeitsfläche und das nicht nur aus praktischen Gründen, denn sie bietet die Möglichkeit verschiedene atmosphärische Ansichten gegenüberzustellen.
Aber wie wirkt diese formsuchende Serie auf den Betrachter? Sucht er sich bevorzugte Formen heraus, die seine Vorstellungskraft leichter ansprechen, die ihn eher zu Assoziationen reizen als andere? Konkurrieren also die Formen untereinander? Oder kommt es durch den Seriencharakter vielmehr zu einem Gesamtbild aus dem sich die Einzelbilder nur unwesentlich herausheben
Die Frage nach den Gemeinsamkeiten im Schaffen der beiden Künstlerinnen und damit einem Grund für ihre gemeinsame Ausstellung muss hier nicht weiter strapaziert werden, sie ist angesichts zweier starker künstlerischer Positionen im Prozess der Formensuche auch nicht nötig. Dennoch sei es erlaubt abschließend auf einen Aspekt hinzuweisen, der nicht nur diesen beiden künstlerischen Ausdrucksformen, sondern auch vielen anderen eigen ist.
Es ist die Dimension der Zeit, die diese Arbeiten speziell in sich tragen und die sie auch mit dem Betrachter verbinden. Die zur Verfügung stehende Zeit im Arbeitsablauf der Künstlerinnen, die, wie beschrieben, sehr kurz, aber auch sehr lang sein kann und die Zeit, die es vom Betrachter verlangt, um das Aufgedeckte wirklich aufnehmen zu können und sich mit den möglichen Konsequenzen auseinander zu setzen. Um diese zwei Zeitmomente anzunähern und ihre Möglichkeiten auszukosten bietet uns diese Ausstellung eine großzügige Gelegenheit und wir sollten sie ausgiebig nutzen, denn sie ist rar.
Lassen wir uns ein, auf eine material- und kontrastreiche Mischung zwischen Bilderserien und Objekten, zwischen Abbildern und Illusionen, zwischen Quadrat und Raum, denn sie lohnt jeden Versuch. Suchen wir nach unseren eigenen Vorstellungen gegenüber den hier gemachten Angeboten und freuen wir uns am sichtbar gemachten Unerwarteten.
martin rohde
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Claudia Roth Malerei |
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