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Wir sind vom Künstler eingeladen, uns in Papua-Neuguinea zu wähnen
und auf den Sepik zu schauen. Das rund 1100 km lange Gewässer entspringt
im Zentralgebirge der riesigen Insel und mündet bei Watam in die
Bismarcksee. über 500 km des Stromes sind schiffbar und bilden den
Garant für Gütertransport und Austausch zwischen den zahlreichen
Völkerschaften des Landes.
Dadi Wirz bringt uns diesen Fluss, an welchen viele Erinnerungen seiner
Jugend geknüpft sind, näher, indem er dessen Erscheinung in
zahlreiche Einzelbilder aufgliedert und die so gesonderten Abschnitte
als Silhouetten auf weissem Grund zeigt. Das Fliessen des Sepik manifestiert
sich in der Serie von dynamisch geschwungenen Bändern, die ihrerseits
daran denken lassen, dass ein solcher Flussverlau über die Jahrmillionen
durch die Bedingungen in der Topographie und Geologie des Landes sowie
durch die physikalischen Kräfte strömenden Wassers geprägt
wurde und sich förmlich in die Landschaft eingeschrieben hat. Die
orange konturierten breiten Graphit-Linien auf weissem Grund stellt somit
eine Art Zeitraffer und Kräftediagramm dar. Das Registrieren des
Flusses, das Kartographieren und Beschreiben vielfältiger Eigenschaften
werden in dieser einprägsamen graphischen Serie unterschwellig aufgezeigt
durch die Verwendung eines besonderen Bildträgers. Die Flächen
unter der Acrylglasabdeckung entpuppen sich bei genauerer Betrachtung
als Aneinanderreihung vormaliger Haltestege für Hängeregistratur-Mappen.
Dies erklärt denn auch die gezackten Seitenränder, welche ihrerseits
auf ausgerissene Papierseiten eines Heftes mit Spiralbindung, also eines
linierten Notiz- und Arbeitsbuches, zu verweisen scheinen.
Die Sepik-Bildfolge könnte demnach auch als ausgebreitete Tagebuch-Folge
verstanden werden, als Bildzeugnis einer Forschungsreise, deren Etappen
auf und entlang des Flusses mit grosser Genauigkeit festgehaten und nun
zur abschliessenden Konklusion aneinandergefügt sind: Das Porträt
des Flusses mit all seinen besonderen Kennzeichen ist gemalt. Schwung
und Temperament des Gewässers finden hier ihre adäquate Entsprechung.
Dadi Wirz lernt seine Flüsse stets persönlich kennen, bevor
sie sich in einem Kunstwerk niederschlagen. Ein anderes Vorgehen, ein
simples Übertragen und Modifizieren bereits bestehender Karten im
Sinne einer Konzeptkunst würde er sicherlich für sein Schaffen
als ein mangelhaftes künstlerisches Verfahren erachten. Vielmehr
ist es ihm unverzichtbare Voraussetzung für die Er- und Bearbeitung
der jeweiligen Flusszeichnung, den Charakter von Landschaft und Strom
zu erkunden. So macht sich denn der Künstler auf den Weg, fährt
und wandert weite Strecken des jeweiligen Wasserlaufes ab. Die gesammelten
Eindrücke und das persönliche Erleben an den Ufern speichern
sich in den sehr verschiedenen künstlerischen Ausdrucksweisen. Die
in der Chelsea Galerie versammelten Wellenlinien zeigen einerseits unterschiedliche
Temperamente in der Graphik, andererseits variieren die verwendeten Materialien.
So finden sich Ausführungen in Gusseisen oder Keramik sowie in violett
eloxiertem oder in versilbertem Kupfer.
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Mit Genugtuung darf an zwei Wänden die Eleganz der Schwünge
helvetischer Flüsse zur Kenntnis genommen werden, die in ausgewählten
Segmenten vor den Augen der Ausstellungsbesucher zu wogen scheinen.
Mit den Silhouetten der "Helvetischen Fluss-Segmente" hat Dadi
Wirz schon vor geraumer Zeit ein viel beachtetes Werk für den öffentlichen
Raum geschaffen: eine "Helvetische Flusssäule", erstmals
zu sehen am Skulpturenweg Grauholz 1998, anlässlich des 150 Jahr
Jubiläums der Eidgenossenschaft. Die charaktervollen Schwünge
17 ausgewählter Schweizer Flüsse präsentieren sich im genannten
Werk als mit Laser-Wasserstrahl in grosse Kupferplatten geschnittene Schablonen,
welche zu einer Hexagon-Stele montiert sind. Das 2.60 m hohe Gebilde ist
heute eingebettet in die Vegetation des botanischen Garten von Porrentruy.
Eine weitere Flussthematisierung findet sich in der Installation "Thames
River". 1997 bereiste Dadi Wirz die Themse von der Quelle bis zur
Mündung. Im daraufhin entstandenen Werk hat sich die Erinnerung an
den bedeutendsten Fluss Englands in einer sinnbildlichen Installation
niedergeschlagen. Rund achtzig Abschnitte lagern in insgesamt zwölf
metallenen Köfferchen, als ob es sich um die Muster-Kollektionen
von Handelsreisenden handelte. In der Chelsea-Galerie ist eines dieser
Blechbehältnisse präsentiert, begleitet von zehn, sozusagen
als Horizontlinie gehängten, Einzeltafeln.
Der Fluss fliesst in dieser Arbeit als sein künstlerisch gestaltetes
Alter ego, denn die Abschnitte sind hier nicht als Zeichnungen abstrahiert
und dokumentiert, sondern als präzis gekrümmte Glaskanülen
ausgeführt, in deren Hohlraum Quecksilber eingeschlossen ist. Das
aussergewöhnliche Metall, welches uns allen so vertraut und gleichzeitig
wegen seiner Gefährlichkeit suspekt ist, kann eine Vielzahl von Sichtweisen
und Themen ins Bewusstsein rufen, die in Zusammenhang mit der Nutzung
der Natur durch den Menschen stehen. Erwähnt seien hier etwa der
Segen einer Wasserstrasse für Handel und Prosperität –
man mag die Köfferchen in diese Richtung deuten wollen. Ferner sei
daran erinnert, dass ein Strom durch starkes Kanalisieren – die
hermetisch verschlossenen Glasröhrchen könnten als solches verstanden
werden – bei Überschwemmung oftmals unkontrollierbare Wucht
und Zerstörungskraft an den Tag legt. Das schimmernde Quecksilber
schliesslich, wenngleich schön anzuschauen, lässt uns an die
gesundheitsgefährdende und artenbedrohende Verschmutzung denken,
mit welcher die Industrien Gewässer wie Luft kontaminieren. Dieses
– formal wie inhaltlich – vielschichtige Werke von Dadi Wirz
bricht Bahn zu einer sehr differenzierten Betrachtung und zur Befragung
unseres eigenen Naturverständnisses.
Gabrielle Obrist, Kunsthistorikerin
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