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Nach dem Entstehungshintergrund der "Cyan
pictures" befragt, erzählte Krassimira Drenska mit einem Schmunzeln,
ihre Hand hätte sich beim Zeichnen dieser drei Arbeiten wiederholt
verselbständigt, die Gebilde seien manchmal quasi wie ein Gewächs
ins Wuchern geraten und hätten sich nur widerwillig der Planung ihrer
Urherberin untergeordnet. Gelegentlich musste die Künstlerin dem
lustvollen Zeichnungsknüpfen auf dem Papier Einhalt gebieten, um
ein potentielles Allover in seine Schranken zu weisen. Die gestalterische
Disziplin im schier unbändigen schöpferischen Fluss hat zu Werken
geführt, die faszinieren. Geheimnisvoll hängen die wirren Netzfetzen
in einem diffusen Bildraum, schweben richtungslos vor unsern Augen in
einer materielos scheinenden blauen Sphäre. Der Untergrund, ein cyanfarbener
feingewobener Stoff, auf den die Zeichnungen von der Künstlerin in
einem aufwendigen Siebdruckverfahren übertragenen wurden, lässt
die dahinterliegende Wand durchschimmern, was die Wirkung von Zartheit
und Flüchtigkeit der "Cyan pictures" unterstützt.
Die wundersamen gezeichneten Gespinste lassen stellenweise an ‚Spinnen-auf-Abwegen’
denken, an Relikte delikater Spitzen- und Klöppelarbeiten, an archäologische
Funde von Gazefragmenten, vielleicht sogar an den Schopenhauerschen zerrissenen
Schleier der Maya. Sie wirken wie Fragmente einst intakter filigraner
Knüpfarbeiten und rufen Objekte grössten handwerklichen Geschicks
und textiler Tradition in Erinnerung, wie wir sie aus volkskundlichen
Sammlungen oder aus Textilmuseen kennen. Einige Partien führen eigenartige
drahtige Wicklungen vor Augen, andere verweisen auf heillos verhedderte
Fäden – verzogene Netze, deren Verknäuelungen und Verknotungen
unauflösbar scheinen. Die Faszination für diese Kunstwerke rührt
her von der Konzentriertheit in deren Linienführung, von der subtilen
Ballung gestalterischer Energie in diesen rätselhaften, ja skurrilen
Netzwucherungen.
Mit "Passages" von 1998 findet sich eine weitere bemerkenswert
Werkgruppe von Krassimira Drenska in der Ausstellung: Die speziell zugerichteten
Lichtquellen hinterleuchten eine vorgespannte Schwarzweiss-Photographie.
Das blaue Leuchten aus den Kästen weckt sogleich das Interesse des
Visavis und lockt zur genauen Erkundung des Darin-befindlichen, wobei
die vier surreal anmutenden Stilleben einiges Kopfzerbrechen bereiten
können. Es handelt sich um Mises en scËne, bestückt mit
banalen Alltagsgegenständen wie mit fremdartig ausschauenden Objekten,
so dass sie sich als eigenwillige, wenn nicht gar absurde Konstellationen
präsentieren. Es handelt sich um überraschende Variationen von
Stilleben-Kompositionen, insofern als die Tradition dieser Kunstgattung
sowohl zitiert wie auch ironisiert wird: Krassimira Drenska lässt
auf der fiktiven Bühne ihrer Lichtbilder die eingesetzten Dinge zu
Charakterdarstellern werden und in kuriose Beziehung zueinander treten.
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Beim Schauen in diese Illusionsräume könnte
die Vermutung aufkommen, Augenzeuge eines alchimistischen Experimentes,
einer paraphänomenalen Demonstration oder verschlüsselter Bildbotschaften
zu werden. Mit ihren blauen "Guckkasten-Bühnen" erweist
die Künstlerin einigen Vorbildern ihre Referenz, knüpft an das
Schaffen der Dadaisten und Surrealisten an, wobei hier insbesondere Man
Ray und Max Ernst erwähnt werden dürfen. Wie diesen namhaften
Vorläufern gelingt es Krassimira Drenska in ihren photographischen,
zeichnerischen und malerischen Werken uns Betrachtende in Bann zu schlagen,
denn die fast magische Atmosphäre irritiert und schliesst eine einfache
verbindliche Deutung des Arrangements schlichtweg aus.
Dass die Künstlerin über einen ausgeprägten Sinn für
absonderliche Gegebenheiten im Alltag verfügt, machen nicht nur die
hinterleuchteten Stillebenphotographien offenkundig, sondern auch die
von ihr mit der Kamera eingefangenen Situationen ‚am Wegrand’.
Beispiele hierfür finden Sie an der Eingangswand, wo einer der beiden
ausgestellten Siebdrucke eine kuriose Erscheinung in den Gassen von Lissabon
vergnüglich karikiert – voil‡ "Bonjour tristesse"
und Katzenjammer.
Die von Krassimira Drenska für die "Cartographies du territoire"
ausgewählten Werke sind geschaffen für inspirierende Betrachtungen.
Stimuliert von diesem ‚Kartenmaterial’, kann die Exkursion
in die Sphären der eigenen Eingebung und in die weiten Felder der
Assoziation gewagt werden.
Gabrielle Obrist, Kunsthistorikerin
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