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Vernissagerede
für die Ausstellung „VOR ORT“ in der Chelsea Galerie
Laufen
Trudy Andres und Lotte Seyerl, 22. Januar 2006
Auszug Einführung für
Lotte Seyerl
Die Künstlerin Lotte Seyerl hat sich immer wieder mit verschiedenen
künstlerischen Medien auseinandergesetzt. Auf diese Vorgeschichte
möchte ich, auch wenn sie sicher nicht nebensächlich ist, nicht
weiter eingehen, denn sie präsentiert uns in dieser Ausstellung ausschliesslich
Ölbilder. Das mag für den Betrachter auf den ersten Blick nicht
unbedingt evident sein. Die Bilder scheinen eher in einer flüchtigeren
Malweise geschaffen worden zu sein. Man vermutet vielleicht Acryl oder
aquarellierende Techniken. Selbst beim näheren Herantreten kann man
Malspuren und Techniken erkennen, die einen am Ölbild zweifeln lassen.
Denn Ölmalerei ist an und für sich kein flüchtiges Verfahren,
sondern eher ein Ausdruck des Beständigen und doch wird es hier bewusst
so eingesetzt. Das zeugt vom Willen, etwas haltbar zu machen, etwas anzuhalten,
eben den kurzen Augenblick für eine kleine Ewigkeit zu bannen, ihn
immer wieder erlebbar machen, ihn von der Abhängigkeit von Zeit und
Ort zu befreien. Es kommt zu einem bewussten Spiel zwischen Malweise,
Inhalt und Darstellung: eine flüchtige Momentaufnahme des Alltagslebens
wird in dauerhafte Malerei verwandelt.
Sie photographiert ihre Vorlagen vor Ort, um dann die Bilder im Atelier
entstehen zu lassen. Zu sehen bekommen wir verschwommene Ansichten des
Stadtlebens. Menschen, die unterwegs sind, aber auch Orte, einfach Orte,
kleine Augenblicke, die nicht durch menschliche Anwesenheit belästigt
werden wollen. Schweifende Blicke über Unscheinbares. Wartendes Erwarten,
Haltestellen und Vorbeiziehendes.
Auch hier handeln Menschen in einer urbanen Umgebung, die, wenn auch viel
dezenter, mit Schriftzeichen angedeutet wird. Die angeschnittenen Sprachfetzen
werden durch sprechende Auslassungen in der Malweise ergänzt. Aber
sie sind im Medium der Malerei ausgedrückt und das Zeichenhafte ist
damit anders dargestellt.
Die vom Format her kleinste, von der Anzahl aber grösste Bilderserie
nennt sich „13A“. Der Titel verweist auf den Entstehungs-
oder vielmehr Inspirationsort hin. Hier wurde eine Busreise mit der Autobuslinie
13 quer durch die Metropole Wien unternommen und die Eindrücke der
Künstlerin dabei festgehalten. Dementsprechend handelt es sich um
Blicke aus dem Bus oder auch auf den Bus, der sich durch die Stadt bewegt.
Es sind bewegte Bilder, die angehalten werden. Diese Momentaufnahmen zeigen
Situationen von Menschen beim Ein- und Aussteigen, beim Vorbeilaufen,
aber auch beim Warten, beim Innehalten oder Festhalten.
Die Perspektive, also der malerische Blick auf die Menschen und Situationen
sind sehr verschieden, mal aus der Froschperspektive, mal aus der Vogelschau,
mal von weitem skizziert, mal als extreme Nahaufnahme. Durch die Anschnitte
von Köpfen und Körpern, Häusern und Autos, die sparsamen
Details werden uns irritierende Ausschnitte gezeigt, die immer nur kleine
Teile eines grösseren Ganzen präsentieren. Die gezeigten Menschen
werden nie wirklich ausformuliert oder individualisiert, sondern nur angedeutet
teilweise phantomartig oder in Rückenansicht wiedergegeben. Sie lassen
keine konkreten Geschichten zu, sondern sprechen eher in Verallgemeinerungen
– um so mehr Spielraum bleibt uns selber bei der Interpretation
überlassen.
Streifzüge durch die Stadt. Das vorbeihuschende Leben, verzerrt,
gespiegelt, wie Blitzlichter oder Streiflichter.
Aus der dezenten Farbigkeit stechen nur dann und wann einzelne Punkte
grellerer Farbe signalartig aus den eher grauen Alltagsszenen heraus.
Das erinnert mich an eigene Wahrnehmungen: wenn man durch eine Stadt unterwegs
ist, dann zieht alles wie ein grauer Schleier an einem vorbei, aber ab
und zu, hebt sich eine Figur, ein Gesicht oder ein Gegenstand aus dem
grauen Allerlei heraus, man wird aufmerksam auf etwas, dass dann sogleich
wieder in der grauen Masse verschwindet. Und dabei wissen wir nicht, ob
diese Schnappschüsse unserer Beobachtung eine Bedeutung haben oder
bekommen werden, oder ob sie, so plötzlich wie sie erscheinen auch
wieder in unserem Vergessen versinken. Ein ähnliches Verfahren, wenn
auch auf etwas grösserem Format lässt sich in vier Werken ausmachen,
die aus dem letzten Jahr stammen. Sie wirken ruhiger bis hin zu dem auf
einer Bank liegenden Mädchen, dass sich dem Trubel durch bewussten
Stillstand zu entziehen scheint.
Bei den drei grossformatigen Arbeiten, die zugleich die aktuellsten Ergebnisse
ihres Schaffens darstellen, ja sogar so aktuell, dass man sagen könnte,
sie haben den direkten Weg von der Staffelei in die Ausstellung genommen,
wagt es Lotte Seyerl, den kleinen Ansichten der kleinen Dinge eine beeindruckende
Grösse zuzugestehen. Dem Episodenhaften wird damit mehr Platz gegeben,
aber nicht um es inhaltlich zu entfalten, sondern um die Perspektive,
also unseren Blick zu erweitern. Diese Weiterführung ihres vorherigen
Ansatzes hat etwas freches und erfrischendes. Langeweile jedenfalls, kommt
bei den Bildern nicht auf, denn es ist genügend Interpretationsspielraum
vorhanden. Wenn wir aber Langeweile als „langsamer werden“
verstehen, dann taucht sie sehr wohl auf und erscheint als gesellschaftsrelevante
Kritik am Rausch der schnelllebigen Gegenwart.
Es wird Ihnen unterdessen nicht entgangen sein, dass es noch viel mehr
zu den Arbeiten dieser beiden Künstlerinnen zu sagen gäbe, dass
ich nur einige wenige Gedanken anreissen und skizzieren konnte, die mir
selber beim Betrachten der Werke und im Gespräch gekommen sind. Um
so ungeduldiger werden sie wohl das Ende dieser Rede erwarten, damit sie
sich selber in der direkten Anschauung und vielleicht in einem Gespräch
mit den Künstlerinnen „vor Ort“ ein Bild machen können.
Aber gestatten Sie mir zum Schluss Ihnen noch ein Zitat der Künstlerin
Lotte Seyerl mit auf den Weg zu geben: „Der Einsatz von neuen Medien
wird nicht geleugnet, die Malerei jedoch ist der medienfreie Raum, sie
dehnt den Augenblick zur Dauer und macht ihn sichtbar.“ (Ausstellungskatalog
13 A, 2005)
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen in der Ausstellung und danke
Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Martin Rohde, Kunsthistoriker |